Harte Zeiten für die großen Internetkonzerne? In Europa jedenfalls machen die Wettbewerbsbehörden mehr und mehr gegen Amazon, Facebook und Alphabet „mobil.“ In China ist es sogar die eigene Regierung, die Konzerne wie Alibaba, JD.com und Tencent das Leben schwer macht. Vor ausländischer Konkurrenz bleiben sie weiterhin geschützt – auch künftig werden Google & Co auf dem chinesischen Markt kaum einen Fuß in die Tür bekommen. Mit immer härteren Regulierungsmaßnahmen schränkt die Regierung aus Peking nun aber die Marktposition chinesischer Internet-Giganten im eigenen Land ein. Angezählt ist deren Ära trotzdem noch lange nicht.

So wie sich bei uns Amazon & Co. mit ihren Diensten in unserem Alltag festgesetzt haben, ist es mit Alibaba, JD.com und Tencent in China. Insbesondere Tencent ist für viele Chinesen zur „Fernbedienung des Lebens“ geworden. Das lässt sich nicht so einfach abstellen, wenn dies überhaupt möglich ist.

Sehr breites Spektrum

Tencent weist derzeit eine Marktkapitalisierung von fast 600 Mrd. EUR aus und betreibt eines der größten und meist frequentierten Internet-Serviceportale der Volksrepublik China. Das Unternehmen bietet ein breites Spektrum an Internet- und mobilen Kommunikationslösungen, darunter den Instant-Messaging-Dienst QQ, das Onlineportal QQ.com, eine Spieleplattform, einen multimedialen Social-Network-Dienst und eine chinesische Online-Community.

Ziel von Tencent ist es, mit einer Vielzahl unterschiedlicher medialer Angebote die Nutzer sowohl mit Informationen, als auch mit Entertainment-, Kommunikations- und e-Commerce-Lösungen zu bedienen. Der Konzern hält eine Reihe von Technologiepatenten, unter anderem in den Bereichen Instantmessaging, e-Commerce, mobile Bezahllösungen, Suchmaschinen, Internetsicherheit und Online-Games.

Bis jetzt sehr beeindruckendes Wachstum

Mit durchschnittlich 35 % pro Jahr war das Wachstum in den letzten fünf Jahren bemerkenswert. Auch künftig ist Tencent zweistelliges Wachstum zuzutrauen. Dafür könnte schon alleine der Dienst WeChat/Weixinsorgen. Diese „Super-App“ hat mittlerweile über 1,2 Mrd. aktive Nutzer und täglich werden es mehr.

Weltweit gibt es keine App und kein soziales Netzwerk, die damit vergleichbar sind. Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer (MAU2) liegt bei Facebook und WhatsApp zwar bei über 2 Mrd., aber nirgendwo sonst wird dem User ein derart ausgefeiltes Dienstleistungsgeflecht geboten, wie dies bei WeChat der Fall ist. Daran gemessen, ist der technologische Vorsprung von Tencent beeindruckend.

Kommunikationskanal der Extraklasse

WeChat ist eine App, die fast den gesamten Alltag der User regelt. Eine App, ohne die sie sich ihr Leben gar nicht mehr vorstellen können. Was manchem kritischen Verbraucher Angst macht, ist für Konzerne wie Facebook oder Amazon ein Traum. Während die Tech-Giganten des Westens noch nicht ganz so weit sind, ist Tencent auf seinem Markt längst am Ziel.

Anfangs war WeChat ein reiner Chat-Dienst wie etwa WhatsApp. WeChat hat sich von dieser alleinigen Funktion schon lange emanzipiert. Mit der Super-App können Nutzer auch ein Taxi rufen oder im Restaurant einen Tisch reservieren, Einkäufe erledigen und den nächsten Arzt- oder Friseurtermin buchen. Theoretisch lässt sich so (fast) der gesamte Alltag mit WeChat organisieren. Für viele Anwender ist das Programm zur „Fernbedienung ihres Lebens“ geworden.

WeChat ist sozusagen WhatsApp, Apple Pay, Uber und Open Table und weitere Apps in einem.

Weiteres wichtiges Standbein: Online-Spiele

Tencent generiert rund ein Drittel des Konzernumsatzes über Online-Spiele. Tatsächlich sind aber die Einnahmen, die durch Spiele erzielt werden, noch deutlich höher. Hintergrund: Hier werden nur die Umsätze erfasst, die direkt durch die Spieler erwirtschaftet werden.

Grundsätzlich sind die Spiele kostenlos. Um sich jedoch beim Zocken einen Vorteil zu verschaffen – etwa durch bessere Ausrüstungsgegenstände der Protagonisten – können Spieler virtuelle Gegenstände kaufen. Auf diese Weise kommt so einiges zusammen: Tencent nimmt auf diese Weise jährlich rund 133 Mrd. HKD (ca. 14,5 Mrd. EUR) ein.

Tencent generiert zudem hohe Werbeeinnahmen mit den Spielen. Allerdings werden diese separat im Segment Online-Werbung ausgewiesen.

Auch mit Übernahmen erweitert Tencent sein Angebot im Spiele-Segment. Erst kürzlich hat der Konzern das britischen Game-Studio Sumo Group akquiriert. Sumo Group (ehemals Sumo Digital) entwickelt Spiele u. a. für Arcade von Apple sowie Microsoft (Xbox) und Sony (Playstation). Tencent hat sich die Übernahme knapp 928 Mio. GBP kosten lassen.

Komplexe Struktur

Eines steht fest: Auf eine Papierserviette passt das Geschäftsmodell bzw. die Konzernstruktur von Tencent nicht. Tatsächlich ist die Struktur von Tencent komplex. Über sein sehr breit gestreutes Beteiligungsportfolio hat der Internetgigant in weit mehr Geschäften die Finger im Spiel, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Wer die Geschäftsstruktur in seiner Ganzheit verstehen will, muss Zeit investieren – und wird vermutlich dennoch an manchen Stellen auf mangelnde Transparenz stoßen.

Die Bilanz macht dafür einen stabilen Eindruck. Die Eigenkapitalquote steht aktuell bei 52,8 %. Für ein so großes und vor allem stark wachsendes Unternehmen erscheint dies außergewöhnlich. Umso mehr, da sich dieser Wert in den zurückliegenden Jahren beinahe ohne Unterbrechung gesteigert hat.

Wo stößt Tencent auf Widerstände?

Tencent hat sich mit WeChat einen Technologievorsprung verschafft. Auf dem internationalen Markt nützt dies dem Konzern aber offenbar noch wenig. 2019 erwirtschaftete das Unternehmen gerade einmal rund 5 % der Umsätze außerhalb Chinas. Der internationale Umsatz nimmt allmählich zwar zu, wird jedoch sehr wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren noch im einstelligen Bereich bleiben.

Dass Tencent mit WeChat und anderen Produkten außerhalb Chinas bisher relativ wenig Anklang gefunden hat, hat verschiedene Gründe. Zum einen haben die berühmten FAANG es nun mal frühzeitig geschafft, sich bei uns als unverzichtbare Platzhirsche zu positionieren. Wir Menschen sind eben Gewohnheitstiere. Wir bleiben gerne bei dem, was uns vertraut ist und/oder was wir kennen.

Auch wenn alle möglichen Dinge unseres täglichen Bedarfs in China produziert werden, bei Technologie „made in China“ hegen wir bis heute Misstrauen. In den USA geht dieses Misstrauen – nicht zuletzt wegen des Handelsstreits – so weit, dass WeChat im Herbst 2020 sogar verboten werden sollte. Wie Huawei in Sachen 5G-Technologie wird auch Tencent teilweise durch politische Maßnahmen gehindert, sich weiter im Westen „breitzumachen“.

Jetzt auch durch eigene Regierung gebremst

Ganz aktuelle Entwicklungen machen deutlich, dass Tencent auch durch Maßnahmen der eigenen Regierung gebremst wird. Peking wirft den eigenen international tätigen Hightech-Konzernen Knüppel zwischen die Beine. Dabei geht es wohl vor allem um Machtkontrolle und Autarkie.

Erst vor wenigen Tagen führte die Regierung der Volksrepublik knallharte Regulierungen ein, die den E-Learning-Sektor betreffen. Auch Lieferdienste standen im Fokus. Scheinbar ist der chinesischen Führung gleichgültig, dass dadurch auch die Aktien von Tencent und Alibaba sowie die gesamte Börse des Landes schwere Verluste hinnehmen mussten. Vor allem bei internationalen Investoren hat die Aktie von Tencent im Moment Vertrauen eingebüßt.

Die Angst vor einem Delisting

Wenn dies nur alles wäre, was Anleger im Moment Sorgen bereitet. Auch die Angst vor einem möglichen Delisting chinesischer Aktien an US-Börsen geht um. Auch dies ist eine Unsicherheit, die bei Tencentmitschwingt und gegen die das Unternehmen wenig ausrichten kann.

Eines konnte Tencent allerdings doch tun. Um sich gegen ein mögliches Delisting an US-Börsen zu rüsten ließ das Unternehmen seine Aktien mittlerweile an der Börse Hongkong listen.

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